Die arabische Welt ist eure Nachbarschaft!

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Bild: Tweet von kaims_arabesken Bericht von Sarah Liedl und Amina Kerimova

Karim El-Gawhary (26. November 1963 in München) ist ein deutsch-ägyptischer Journalist und Buchautor. Er leitet für den ORF das Nahost-Büro in Kairo. Daneben arbeitet er für Printmedien, wie etwa die Süddeutsche Zeitung, Die Presse, Die tageszeitung (Berlin) etc. 2011 – Concordia-Preis für Pressefreiheit und Auslandsjournalist des Jahres.

Am Dienstag, den 22.11.2016 sprach er im Festsaal des GRg3 über seine journalistische Arbeit im Nahen Osten. Besonders berührend seine Darstellung der Flüchtlingstragödie

Karim El-Gawhary, geboren in München als Sohn einer Deutschen und eines Ägypters, erzählt weniger von seinen Erfahrungen als Wanderer zwischen den Welten. Vielmehr sind es – aus aktuellem Anlass – Impressionen von Fluchtgeschichten… traumatische Einzelschicksale, die die „Flüchtlinge“ aus ihrer Anonymität holen.

Ein Mädchen träumt…

Ich gehe in Aleppo auf die Universität zum Literaturstudium und sehe dort meine Freunde. Das ist die Erinnerung an eine vergangene Welt. Der Vater des Mädchens nahm an Demonstrationen gegen das Assad-Regime teil und hielt Reden. Dadurch war er auf die Liste der Staatssicherheit gekommen und musste aus Syrien fliehen.

Ein Junge wird, ebenfalls bei einer Demonstration, von einer Kugel getroffen. Aus Mangel an medizinischer Versorgung bleibt sie im Körper… und wandert. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie ein lebenswichtiges Organ beschädigt. So bittet er Karim El-Gawhary, ihm – für Geld – jemanden zu vermitteln, der eine seiner beiden Nieren brauchen würde…

Und dies hier lieber in Kurzform: Mutter mit ihren vier kleinen Kindern auf Flüchtlingsboot; Kenterung; nur eine Schwimmweste für alle fünf; aber welches Kind loslassen??? Welches retten? […] Sie und das älteste Kind überleben…

Zur Information:

Weltweit sind 65 Millionen Menschen auf der Flucht. 2  (z w e i)  Millionen davon sind in Europa untergekommen. (ein Viertel der libanesischen Bevölkerung lebt in Syrien).

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Foto: Amina Kerimova

Wie damit umgehen?

Karim El-Gawhary schildert die unterschiedlichen Zugänge zum Thema:

  1. Ganz persönliche Ebene: Flüchtlinge als Teil unseres Lebens und unserer Gesellschaft
  2. Politische Zahlen: Hinsichtlich der Menge dürfte das „Flüchtlings-Problem“ in Europa eigentlich keines sein. (Viele Länder haben wenige Flüchtlinge, und: Einige wenige Länder haben sehr viele Flüchtlinge!)
  3. Ausgleichend agieren: Wenn das eigene Boot schon voll ist, sollte man diesseits des Mittelmeers zumindest jene Länder, die sich um viele Flüchtlinge kümmern, unterstützen.
  4. Politische Intervention: Weil Konflikte und Krisenherde Flüchtlingsströme auslösen, sollte man hier unbedingt diplomatisch intervenieren, im Vorfeld eine Lösung finden.
  5. Globale Ungleichheit: Es gibt Leute, die vor der Armut fliehen… sie werden verharmlosend Wirtschaftsflüchtlinge

Die Verzweiflung seinerseits, so El-Gawhary, ist jedenfalls so hoch wie die Mauer, die gegen Flüchtlinge aufgerichtet wird. Die Frage laute: Scheitern wir an dieser Aufgabe oder wachsen wir daran?

Diffuse Angst „diesseits des Mittelmeers“

Warum also ist das Boot bei uns, „diesseits des Mittelmeers“ bereits voll? Die Menschen haben Angst um ihre Arbeitsplätze, aber vor allem vor der Fremdheit. – Die Angst vor dem Ende des Abendlandes sei relativ: Was, wenn 1 Million afrikanischer Christen zu uns kommen wollten? Das eigentliche Problem ist die mangelnde Solidarität, resümiert El-Gawhary. Überspitzt formulierte Wahrnehmung: Neid nimmt in Österreich eine skurrile Form an: Man gönnt „es“ jenen, die mehr haben, aber nicht jenen, die weniger haben. Damit soll aber nicht ausgesagt werden, dass die Hälfte Österreichs rassistisch sei. Er sieht darin eher ein gnadenloses Versagen der Politik.

Dazu eine Zahl: Im Jahr 2015 wurden Waffen im Wert von 110 Milliarden Dollar in die arabischen Länder verkauft. – Im Prinzip sind also auch wir Teil des Problems.

Integration erst, wenn man Erfolg hat?

„Wann bin ich eigentlich integriert. Ich versuche alles, aber werde immer als Türkin wahrgenommen“, meint eine Schülerin. Meistens, so El-Gawhary, sei man integriert, wenn man Erfolg hat.

Was er zu bedenken gibt: Eine Gesellschaft sei nicht statisch, sondern immer in Bewegung; man könne sich nicht abschotten. Nachdenklich macht ihn: Wenn ein Flugzeug mit 150 Passagieren abstürzt, wird weltweit detailliert darüber berichtet. Über ein im Mittelmeer gesunkenes Flüchtlingsboot erfährt man maximal die Herkunft und die Anzahl der Vermissten.

El-Gawharys Anliegen: Angesichts der unerträglichen Hilflosigkeit vieler Flüchtlinge möchte er diesen diesseits des Mittelmeers eine Stimme geben.

 

 

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